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Leseprobe | Wo die Moorschafe sterben von Simone Ehrhardt



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Hello. How are you? My name is Penelope, I am 29 years old, and I am a writer.“ Nein, unmöglich. “Hello. I am Penelope, Peter’s girlfriend. How do you do?“ Oh Mann, noch schlimmer! Wie stellte man sich denn nur vor auf Englisch? Seit Tagen zerbrach ich mir den Kopf über die richtigen Floskeln, und obwohl ich das früher in der Schule gelernt hatte, war ich mir in dieser Sache total unsicher. Die Engländer fragten zum Beispiel einfach so, wie es einem ginge, aber man durfte nicht darauf antworten, sondern musste das möglichst ignorieren, oder noch besser: dasselbe zurückfragen. „My name is Penelope. Nice to meet you.” Na ja, schon eher. Ich sah nach draußen, wo sich unter uns das Meer ausbreitete.

Es war schön, die Welt von oben zu betrachten. Peter hatte mir freundlicherweise einen Fensterplatz im Flugzeug besorgt und so teilte ich meine Zeit auf zwischen Grübeln, Hinausstarren, Peter Anschauen und Essen. Peter saß neben mir auf dem Platz in der Mitte, der nächste Sitz direkt am Gang war freigeblieben, weil unter der Woche das Flugzeug nicht ausgebucht war. Ich war wahnsinnig aufgeregt, Peter dagegen entspannt und irgendwie müde, was dazu führte, dass er öfter die Augen zu hatte, wenn ich mit ihm reden wollte. Dass ich so nervös war, hatte einen guten Grund: Wir waren auf dem Weg nach England, zu seinen Verwandten. Besser gesagt, wir flogen nach Birmingham, wo Peters Vater mit seiner Familie lebte – seiner zweiten Frau, den beiden Töchtern mit Familien und drei Katzen, wenn ich es noch richtig wusste. Es war ja schließlich nichts Alltägliches, dass man die Eltern seines Freundes kennenlernen würde, oder?

Da wir um die Mittagszeit flogen, hatte man uns einen kleinen Lunch serviert. Nicht gerade umwerfend, aber es genügte, um mich ein wenig von der scheinbar ewig andauernden Flugzeit von eineinhalb Stunden abzulenken. Zu den Sandwiches gab es Tee oder Kaffee, wobei Peter seiner Neigung zu Kaffee schwarz treu blieb, ich hingegen „black tea“ wählte, um mich auf das Land der Teetrinker vorzubereiten. Danach hatte ich alle Muße, die ich mir wünschen konnte, denn ich hatte es versäumt, mir ein Buch ins Handgepäck zu stecken. Na schön, eine gute Gelegenheit, vor diesem anstehenden wichtigen Ereignis noch einmal die letzten Monate gedanklich zu rekapitulieren.


Seit Peter mir im Februar gesagt hatte, dass er hoffnungslos in mich verliebt sei, war mein Leben ein einziger Freudentaumel gewesen. Na ja, fast. Es war natürlich unglaublich schön, verliebt und mit jemandem zusammen zu sein, der das voll und ganz erwiderte. Aber leider blieb man als frischgebackenes Paar nicht unbehelligt in seiner großen rosa Blase. Es gab so profane Dinge wie das Verdienen der Brötchen, das ständig störend gegen das ganz natürliche Bedürfnis nach trauter Zweisamkeit arbeitete und dafür sorgte, dass ich zum ersten Mal seit Beginn meiner beruflichen Selbständigkeit kaum wusste, wie ich all der Aufträge Herr werden sollte – ausgerechnet jetzt, wie lästig! –, und Peter mit Kriminalfällen beschäftigt hielt, die ihn zwischendrin auch noch zwei Mal ins Ausland führten.

Als alles auch noch für uns ganz neu und ungewohnt war, kam mein 29. Geburtstag am 24. Februar dazwischen, der eine erste Begegnung zwischen Peter und meinen Eltern eigentlich viel zu früh herbeiführte. Es war nicht so, dass sie sich nicht mochten – nein, gar nicht, wirklich nicht! –, aber ich konnte Peter und mich nicht so als Paar präsentieren, wie ich das vorgezogen hätte, um meine Eltern an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich jetzt in einer ernsten Beziehung war.

Mein Vater quetschte Peter bis aufs Unterhemd aus über seine Familie und seinen Beruf, meine Mutter widmete sich seinem neugewonnenen christlichen Glauben, und ich saß dabei und fand alles ziemlich grässlich. Als endlich meine Cousine Susanne mit ihrem Freund Enrico und Sabine mit ihrem Giuseppe auftauchten, hätte ich vor Dankbarkeit fast geweint. Aber auch diese Prüfung ging vorüber, denn am nächsten Tag fuhren meine Eltern wieder nach Hause und wir waren durch ein paar hundert Kilometer Entfernung zwischen uns erst einmal sicher vor ihnen. Frau Gerberich, meine Nachbarin, himmelte meinen neuen Freund dagegen regelrecht an, denn sie kannte ihn ja schon von diversen kurzen Begegnungen und hielt ihn für Sherlock Holmes und Superman in einem – immer bereit, Leben zu retten, während er ganz nebenbei ein paar schreckliche Verbrechen aufklärte. So kam es, dass wir des öfteren bei ihr eingeladen wurden und die Einladungen hin und wieder erwidern mussten, so dass auch das an unserer Zeit zu zweit knabberte.


Du musst deine Rückenlehne aufrichten“, unterbrach Peter meine Gedanken. Ich hatte die Ansage nicht mitbekommen, aber ich tat wie geheißen. Mein Herz fing wie wild an zu schlagen, als ich realisierte, dass wir uns nun schon fast im Landeanflug befanden. Meine erste Begegnung mit britischem Land! Ich dachte an Sabine und Giuseppe, die zwei aus unserem Hauskreis, die ebenfalls im Februar zusammengekommen waren und bereits im August geheiratet hatten. Danach waren sie in die Flitterwochen nach Italien gefahren, wo Teile von Giuseppes Familie lebten. Und heute würden sie zurückkommen und ihr neues Haus beziehen. Es war nicht wirklich neu, eher historisch, denn es war ein altes Bauernhaus, aber es war komplett renoviert und modernisiert, also rundum bewohnbar. Meine Cousine Susanne, die die letzten Monate mit Sabine eine Wohngemeinschaft gebildet hatte, wohnte jetzt allein in der Wohnung. Zwischen ihr und Enrico kriselte es, ich machte mir etwas Sorgen, wie es mit den beiden weitergehen würde. Vielleicht fand ich eine Gelegenheit, sie anzurufen, während wir die nächsten zwei Wochen in England waren.



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